19. April 2018 | Von Eric Czotscher

„Echte Wende in Richtung nachhaltiger Finanzwirtschaft“

Tarek Al-Wazir auf der ersten F.A.Z.-Nachhaltigkeitskonferenz / Hoher Kapitalbedarf für notwendigen Systemumbau

Der hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir spricht sich bei der ersten „F.A.Z.-Konferenz Nachhaltigkeit und Kapitalanlage“ am 18. April 2018 in Frankfurt am Main für eine Nachhaltigkeitswende aus (Bild: Dirk Beichert BusinessPhoto).

Nach Jahren der Überzeugungsarbeit scheint die Zeit einer nachhaltigeren Finanzindustrie tatsächlich gekommen zu sein. „Ich sehe derzeit eine echte Wende in Richtung nachhaltiger Finanzwirtschaft mit einem potenziellen Investitionsvolumen von mehreren hundert Milliarden oder gar Billionen Euro“, sagte der hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir bei der ersten „F.A.Z.-Konferenz Nachhaltigkeit & Kapitalanlage“ am 18. April 2018 in Frankfurt am Main.

„Eine nachhaltige Ausrichtung des Finanzsystems ist unverzichtbar“, mahnte der Minister bei seiner Begrüßungsrede in der Kulturkirche Sankt Peter.  Green Finance müsse zum Standard werden.  Insbesondere bedürfe die Energiewende – „die zentrale Aufgabe unserer Generation“ – der Unterstützung durch die Finanzindustrie. Deutschland habe mit einem Erneuerbare-Energien-Anteil von mittlerweile  37 Prozent  (2017) zwar schon vieles geleistet, fuhr Al-Wazir fort. Doch weltweit setzten sich Umweltzerstörung, Ausbeutung und politische Instabilität fort.

Mit öffentlichen Mitteln allein sei ein Systemumbau nicht zu stemmen, betonte Al-Wazir. Um den Klimawandel zu bremsen,  müsse in großem Umfang privates Kapital mobilisiert werde. Der Minister sieht in der Finanzbranche deshalb den zentralen „Ermöglicher“ für den Umbau. Die grünen Investitionen müssten aber auch attraktive Renditen erwirtschaften, um ausreichend Kapital anzuziehen, hob Al-Wazir hervor.

Damit rannte der Minister offene Türen bei den rund 130 unabhängigen Finanzberatern, Nachhaltigkeitsmanagern, Stiftungsverantwortlichen und Finanzdienstleistern ein, die aus ganz Deutschland zur F.A.Z.-Konferenz angereist waren. Viele engagieren sich bereits an unterschiedlichen Stellen der Gesellschaft für nachhaltigere Geldanlagen. Der Veranstalter der Konferenz, der F.A.Z.-Fachverlag FRANKFURT BUSINESS MEDIA GmbH mit den drei Fachzeitschriften „Der Neue Finanzberater“, „DIE STIFTUNG“ und „VERANTWORTUNG“, zeigte sich von dem hohen Beteiligungsniveau und den positiven Rückmeldungen von Teilnehmern und Sponsoren erfreut. Nach dem gelungenen Auftakt kündigte Geschäftsführer Hannes Ludwig einen Ausbau des neuen Konferenzformats an.

Mehr Schlagkraft für Sustainable Finance

Bei einer Vorabendveranstaltung zur F.A.Z.-Konferenz im Auktionshaus Arnold hob Prof. Dr. Joachim Wuermeling, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, die wachsende Bedeutung von Nachhaltigkeit auf den Finanzmärkten hervor. Zwar gehöre nachhaltiges Investieren nicht zum Mandat der Bundesbank, aber um die Stabilität der Finanzmärkte zu sichern, beobachte man zunehmend auch Klima- und Nachhaltigkeitsaspekte. Dabei tausche sich die Bundesbank in einem Netzwerk internationaler Zentralbanken aus, sagte Wuermeling.

Auch Bundesbankvorstandsmitglied Prof. Dr. Joachim Wuermeling hat das Thema Nachhaltigkeit auf dem Schirm, hier im Gespräch mit F.A.Z.-Redakteur Gerald Braunberger (Bild: Dirk Beichert BusinessPhoto).

Um die Dynamik nachhaltiger Finanzwirtschaft zu erhöhen, hatten sich bereits eine Woche vor der Konferenz das Green Finance Cluster Frankfurt des Hessischen Wirtschaftsministeriums und die „Accelerating Sustainable Finance“-Initiative der Deutschen Börse zum neuen „Sustainable Finance Cluster“ zusammengeschlossen. Damit wollen die Initiatoren eine geeinte Position zur nachhaltigen Entwicklung der Finanzindustrie entwickeln, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens und die Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen zu realisieren.

Hoher Investitionsbedarf

Prof. Dr. Manfred Fischedick vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie zeigte auf der F.A.Z.-Konferenz anhand der Treibhausgasemissionen der vergangenen Jahre auf,  dass Deutschland mit seinen Klimazielen für 2020 deutlich in Verzug sei. Insbesondere im Verkehr und bei der Wärme bzw. beim Wohnen seien noch kaum Emissionen reduziert worden. Um eine tatsächliche Wende zu erreichen, müssten sich die Mobilitätsgewohnheiten in Deutschland drastisch ändern. In energieintensiven Branchen seien ganz neue Produktionstechniken erforderlich. Gleichzeitig erwartet Fischedick durch die anstehenden Divestments tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen, die die Politik rechtzeitig auffangen müsse.

Wie Unternehmen dabei ihrer Verantwortung gerecht werden , zeigte Sabine Nallinger auf. Die Vorständin der Stiftung 2° wies auf erste Erfolge des Projekts „Wege in die <2°-Wirtschaft“ hin, bei der über 50 Unternehmen branchenübergreifend an gemeinsamen Lösungen arbeiten. „Auch wir Stiftungen selbst sind nicht untätig in Sachen Klimaschutz. Wir setzen ebenfalls auf Kooperation“, sagte Nallinger, deren Stiftung Teil der  Stiftungsplattform F20 ist. Mehr als 30 Stiftungen aus acht Ländern hatten sich anlässlich des G20-Gipfels 2017 zu einer Allianz für mehr Klimaschutz und eine globale Energiewende zusammengeschlossen.

Stiftungen wie die Software-AG-Stiftung zielen zunehmend darauf ab, nicht nur mit laufenden Projekten, sondern auch mit der Anlage ihres Stiftungskapitals Wirkungen in Richtung Stiftungszweck zu erzielen. Das sei manchmal effizienter als die Stiftungsarbeit selbst, so Markus Ziener, geschäftsführender Vorstand der Software-AG-Stiftung. Die Stiftung investiert nicht in Finanzprodukte, sondern ausschließlich in direkte Beteiligungen in Unternehmen und Immobilien. Dabei spielten Nachhaltigkeitsaspekte eine wachsende Rolle.

Martin Risse, Vorstandsmitglied der Barmenia Versicherung, sieht nachhaltiges Investieren derzeit als zentrales Thema seiner Branche – unabhängig vom aktuellen Aktionsplan der EU-Kommission. Die Barmenia berücksichtige seit Jahren Nachhaltigkeitskriterien bei ihren Investitionen, betonte Risse. Auch bei Union Investment spielten nachhaltige Geldanlagen zunehmen eine Rolle: So seien Investition in nachhaltige Fonds und Mandate seit 2014 von 8 Milliarden auf 34 Milliarden Euro gewachsen, berichtete Janne Werning, Analyst Nachhaltigkeit und Engagement bei Union Investment.

Teilnehmer der ersten „F.A.Z. Konferenz Nachhaltigkeit und Kapitalanlage“ (Bild: Dirk Beichert BusinessPhoto).

Finanzberater müssen Kunden gewinnen

Um der nachhaltigen Finanzberatung eine stärkere Stimme zu verleihen, haben sich 43 unabhängige Finanzberater mit Schwerpunkt nachhaltige Geldanlage zum ökofinanz-21 e.V. zusammengeschlossen. Bei der F.A.Z-Nachhaltigkeitskonferenz organisierten drei seiner Mitglieder, Marcel Malmendier, Ralf Petit und Vorstand Ingo Scheulen, einen Workshop für die Kongressteilnehmern, um gemeinsame Ansätze für die Bewertung nachhaltiger Investments zu erarbeiten.

In diesem „Think-Tank“-Workshop zeigte sich, dass die Definition und die Wirkungsmessung nachhaltiger Investments alles anders als einfach ist. Anerkannte Standards und Nachhaltigkeitsziele wie die SDGs der UN können deshalb zu einem besseren gemeinsamen Verständnis beitragen. Doch der „Impact“ einer nachhaltigen Investition lässt sich nicht immer in Zahlen messen. Deshalb biete „Storytelling“ eine gute Möglichkeit, anhand konkreter Beispiele Kunden von den Wirkungen nachhaltiger Investments zu erzählen.

Finanzberater diskutieren bei strahlendem Frühlingswetter die Wirkung nachhaltiger Investments (Bild: Dirk Beichert BusinessPhoto).

Auf die konkrete Wirkung nachhaltiger Investments stellte auch Max Deml, Chefredakteur des „Öko-Invest“-Börsenbriefs und Betreiber des Naturaktienindex nx-25 (früher: NAX bzw. NAI) in seinem Statement ab. Er rät Finanzberatern, ihren Kunden auch Anlagemöglichkeiten außerhalb der Börse vorzuschlagen. Durch direkte Beteiligungen beispielsweise an Windparks oder Photovoltaikanlagen könnten private Investoren mehr bewirken als durch den Kauf von Fonds und Aktien. Eine Aktie wechsle bei einem Kauf lediglich den Besitzer, ohne dass neue Mittel für nachhaltige Projekte zur Verfügung ständen. Allerdings warnte Deml auch vor unseriösen Angeboten bei Beteiligungen.

Max Deml plädiert für mehr Direktinvestments in nachhaltige Projekte, hier im Gespräch mit Eric Czotscher, verantwortlicher Redakteur von „Der Neue Finanzberater“ (Bild: Dirk Beichert BusinessPhoto).

Passive Geldanlagen mit SRI-Kriterien

Dass nachhaltiges Investieren auch mit passiven Investments wirkungsvoll ist, zeigten Dag Rodewald, Leiter des deutschen und österreichischen ETF-Vertriebs von UBS Asset Management, und Prof. Dr. Dirk Söhnholz, Geschäftsführer der Diversifikator GmbH. Mit ETFs auf der Basis der MSCI-Socially-Responsible (SRI)-Indizes lässt sich ein breit diversifiziertes Portfolio konstruieren, dass zahlreiche ESG-Risiken (Umwelt, Soziales, Unternehmensführung – ESG) berücksichtigt. Beispielsweise wurden Unternehmen wie BP, VW oder Facebook, die jüngster Zeit in Skandale oder Katastrophen verwickelt waren, aufgrund des SRI-Filters von Anfang an nicht in die entsprechenden MSCI-SRI-Indizes und damit auch nicht in die UBS-ETFs aufgenommen. Diese Unternehmen wiesen seit langem Schwachstellen bezüglich Governance, Arbeitsschutz und Datensicherheit auf.

Dag Rodewald von UBS Asset Management stellte gemeinsam mit Prof. Dr. Dirk Söhnholz die Vorteile von „passivem“ SRI heraus (Bild: Dirk Beichert BusinessPhoto).

Der Vorteil des Indexinvestments: Die Indexregeln sind vollkommen transparent. MSCI habe ein Team aus 200 ESG-Experten, die laufend circa 6.000 Aktienunternehmen und 9.000 Anleiheemittenten global in Bezug auf SRI analysierten, so Rodewald. In Bezug auf Rendite und Risiko ständen diese ETFs ihren konventionellen MSCI-Geschwistern in nichts nach. Kombiniert in einem ETF-Portfolio spiele die passive bzw. regelgebundene Asset-Allokation nach SRI-Kriterien ihre Vorteile gegenüber aktiven SRI-Fonds aus, bei denen ESG-Kriterien oft nur eine Nebenrolle spielten, betonte Söhnholz.

 

 

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