17. Mai 2018 | Von Eric Czotscher

Stiftungen benötigen mehr Rat und mehr Risiko

Konservative Anlagepolitik bremst Handlungsfähigkeit / Aktuelle ESMT-Studie zeigt Renditepotenzial auf

Dem Gemeinwohl dienen. Um Ihren Stiftungszweck zu erfüllen, benötigen Stiftungen laufende Erträge. Nur wenige Stiftungen in Deutschland legen ihr Geld so breit an wie die VolkswagenStiftung. Hier ein Projekt dieser Stiftung zum Klimaschutz in Thailand (Bild: Sutee Wongkamolchung für VolkswagenStiftung).

Stiftungen in Deutschland legen ihr Kapital zu konservativ an – aus Angst, Kapital zu verlieren und Ärger mit der Stiftungsaufsicht zu bekommen. In den Jahren der Finanzkrise und der Zeit sinkender Zinsen waren Stiftungen mit festverzinslichen Anlagen zwar recht erfolgreich. Im derzeitigen Niedrigzinsumfeld führt der Fokus auf Zinspapiere jedoch dazu, dass die Stiftungen kaum noch Erträge erwirtschaften und immer weniger Geld für den Stiftungszweck übrig bleibt. Nach einer Umfrage des Bundesverbands Deutscher Stiftungen (BVDS)  von 2017 erwarten nur zwei Drittel der Stiftungen, mit ihren Anlagerendite wenigstens den Inflationsausgleich zu schaffen. Insbesondere kleine Stiftungen sind ertragsarm, während große Stiftungen ihr Kapital in der Regel breit gestreut und chancenorientiert anlegen.

Eine Studie der European School of Management and Technologie (ESMT) in Berlin von Mai 2018 zeigt auf, dass Stiftungen mit einer Erhöhung ihrer Aktienquote bei gleichzeitig breiter Streuung in alternative und illiquide Assetklassen sowohl eine höhere als auch eine schwankungsärmere Rendite erwirtschaften könnten. Finanzberater bekommen mit dieser Studie überzeugende Argumente an die Hand, um Stiftungen von einer professionelleren Kapitalanlage zu überzeugen.

US-Universitäten als Vorbild: Alternative Assetklassen nutzen

Prof. Jörg Rocholl, Präsident der ESMT und Mitautor der Studie, wies bei der Vorstellung der Studienergebnisse darauf hin, dass US-amerikanische Universitätsstiftungen bei der Kapitalanlage als Vorbild für deutsche Stiftungen dienen können. Universitäten wie Yale oder Harvard hätten mit ihren breit gestreuten Portfolios aus vielen unterschiedlichen Anlageklassen seit Jahren gute Renditen bei überschaubarem Risiko erzielt und damit ihren Forschungs- und Lehrbetrieb unterstützt.

Würden deutsche Stiftungen neben festverzinslichen Papieren verstärkt Aktien und andere Assetklassen berücksichtigen, könnten sie Schätzungen der Studienautoren zufolge ihre Kapitalerlöse um 50 Prozent aufstocken, ohne ihr Anlagerisiko zu erhöhen. Bei schätzungsweise 100 Milliarden Euro angelegtem Stiftungskapital in Deutschland wären somit 2 Milliarden Euro an Mehrerlösen möglich. Derzeit erlösen die deutschen Stiftungen zusammen etwa 4,3 Milliarden Euro.

Zur Berechnung haben die Forscher eine Reihe von Referenzportfolios für unterschiedliche Anlagepolitiken deutscher Stiftungen simuliert, wobei größere Stiftungen in der Regel höhere Aktienanteile als kleine und mittlere Stiftungen aufweisen. Die Ergebnisse wurden dann mit den Renditen US-amerikanischer Stiftungen und insbesondere mit denen der Universitätsstiftungen Yale und Harvard verglichen. Beide, vor allem aber Yale mit dem Chefanleger David F. Swensen, setzen stark auf alternative Assetklassen.

Im Ergebnis kommt die Studie auf ein ungenutztes Renditepotenzial von 2 Prozent bei gleichzeitig sinkender Standardabweichung. 1 Renditeprozent ergäbe sich aus einer höheren Aktienquote und 1 Prozent aus einer Diversifizierung in alternative Assetklassen, rechnete Rocholl vor.

Große Stiftungen sind Vorreiter

Ein Beispiel für professionelles Anlagemanagement ist die VolkswagenStiftung: Anfang der sechziger Jahre mit einem Kapital von umgerechnet 500 Millionen Euro gestartet, verfügt die Stiftung heute über 3,2 Milliarden Euro. Sämtliche Fördermittel – jährlich rund 150 Millionen Euro – stammen nach Angabe der Stiftung aus der Vermögensanlage inklusive der Rendite aus den Stammaktien des Landes Niedersachsen.

Das Kapital ist zur Hälfte in verzinslichen Wertpapieren investiert, der Rest in Aktien, Immobilien und alternative Investments. Das Kapital wird gemäß den Erkenntnissen der Portfoliotheorie vorwiegend „passiv“ angelegt. Ein Vermögensbeirat unterstützt die VolkswagenStiftung bei der Anlage.

Gesetzesänderung für Stiftungen gefordert

Felix Oldenburg, Generalsekretär des BVDS, drückte bei der Präsentation seine Sorge über die derzeitigen Rahmenbedingungen für die Vermögensanlage deutscher Stiftungen aus. Mit sinkender Rendite könnte diese wichtige Institution gemeinnützigen Engagements in Deutschland an Attraktivität verlieren. 2017 kamen laut BVDS nur noch 38 Prozent der Stiftungseinnahmen aus der Vermögensveranlagung. 2014 waren es noch 49 Prozent. Entsprechend mussten die Stiftungen das Fundraising verstärken.

Ein Hindernis für eine wirkungsvolle Kapitalanlage ist das deutsche Stiftungsrecht und die Zersplitterung der Aufsicht, die regional unterschiedliche Freiheitsgrade bei der Kapitalanlage einräumt.

Oldenburg fordert deshalb den Gesetzgeber zur einer Reform des Stiftungsrechts auf, wie es auch der aktuelle Koalitionsvertrag vorsieht. Er wünscht sich u.a. eine Vereinheitlichung der Aufsichtspraxis und einen klaren Maßstab für die Haftung von Stiftungsvorständen. Darüber hinaus hält er es für sinnvoll, dass Stifter zu Lebzeiten die Satzung ihrer Stiftung anpassen können. So hätten manche Stifter in ihrer Satzung starre Vorgaben für die Kapitalanlage gemacht, anstatt hierfür auf eine Anlagerichtlinie zu verweisen, über die der Vorstand entscheiden kann.

Außerdem seien mehr Aufklärung und Finanzwissen für Stifter unabdingbar, so Oldenburg. Wie Untersuchungen des BVDS zeigen, liegen nicht nur große Stiftungen bei der erzielten Rendite deutlich über dem Durchschnitt, sondern auch Stifter mit – nach eigener Einschätzung – guten  Finanzkenntnissen.

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