11. Dezember 2017 | Von Eric Czotscher

Das Spektrum der Biometrie weitet sich

Neue Lösungen zur Absicherung der Arbeitskraft / Nachholbedarf bei Pflegezusatzversicherungen

Wer aufgrund einer ärztlichen Diagnose nicht mehr berufsfähig ist, kann froh sein, wenn er eine Versicherung hat.

Unter den privaten Versicherungen gegen biometrische Risiken gilt die Berufsunfähigkeitsversicherung – neben der Risikolebensversicherung für junge Familien – unter Makler und unter den meisten Verbraucherschützern als empfehlenswert für Erwerbstätige. Die gesetzliche Erwerbsminderungsrente springt seit der Reform 2001 nur noch bei starker Einschränkung der Leistungsfähigkeit ein und reicht in der Regel nicht aus, um den persönlichen Lebensstandard zu erhalten.

Risiko Berufsunfähigkeit ist nicht gering

Doch wie wahrscheinlich ist es, in einem Erwerbsleben seinen Beruf nicht mehr ausüben zu können? Häufig wird eine Zahl zitiert, die fälschlicherweise der Deutschen Rentenversicherung zugeschrieben wird: Demnach müsse jeder vierte Arbeitnehmer im Laufe seines Berufslebens seine Erwerbstätigkeit einschränken oder aufgeben. Auf Anfrage konnte die Deutsche Rentenversicherung aber keine Aussagen über die Wahrscheinlichkeit einer Berufs- oder Erwerbsunfähigkeit machen. Die DRV-Statistiker kennen auch die Quelle einer angeblichen 1:4-Wahrscheinlichkeit nicht. Es lasse sich lediglich feststellen, dass derzeit unter fünf Rentenneuzugängen ein Erwerbsminderungsrentner und vier Altersrentner sind. Wie hoch das Risiko einer Berufsunfähigkeit ist, lasse sich daraus nicht ableiten. Klar ist nur, dass es nicht vernachlässigbar ist.

Auch die Bundesregierung konnte dazu im Rahmen einer kleinen Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen vom 3. März 2017 keine Antwort geben. Sie spricht sich aber ausdrücklich für den BU-Schutz aus: „Es ist allgemein anerkannt, dass eine Versicherung gegen Berufsunfähigkeit in der Regel sinnvoll ist. Die Anzahl der Beschwerden bei der BaFin im Zusammenhang mit BU-Versicherungen ist gering“, heißt es in der Regierungsantwort.

Laut Versichererverband GDV wurden 2016 wegen Berufs- und Erwerbsunfähigkeit rund 3,6 Milliarden Euro als Renten oder Kapital ausgezahlt. Laut Ratingagentur Morgen & Morgen waren 2015 260.000 reine BU-Renten im Wert von 2 Milliarden Euro p.a. in Auszahlung. Insgesamt haben die Deutschen 17 Millionen BU-Zusatz- und BU-Solopolicen abgeschlossen (siehe Tabelle Seite 8).

Einer weiteren Umfrage des GDV zufolge liegt das Durchschnittsalter bei Eintritt in eine Berufsunfähigkeit bei 47 und bei Erwerbsunfähigkeit bei 52 Jahren. Die häufigsten Ursachen für Berufsunfähigkeit sind laut Ratingagentur Morgen & Morgen psychische Ursachen mit 31 Prozent, der Bewegungsapparat mit 21 Prozent und Krebs mit 15 Prozent der Fälle.

Beruflichen Status absichern

Wer seinen Beruf zu 50 Prozent nicht mehr ausüben kann, erhält eine BU-Rente in vereinbarter Höhe, unabhängig vom letzten Einkommen. Keine andere Versicherung bietet eine vergleichbare Leistung. Und es spielt dabei nicht einmal eine Rolle, ob die Berufsunfähigkeit aufgrund einer körperlichen oder seelischen Krankheit, eines Unfall oder wegen Verschleißerscheinungen eintritt.

Um eine solche Absicherung und eine ausreichende Rente zu erhalten, müssen selbst Berufstätige mit vorwiegend sitzender Tätigkeit relativ viel zahlen, außer sie unterzeichnen den Vertrag schon in sehr jungen Jahren. Nach einer Faustformel sollten 80 Prozent des Nettoeinkommens abgesichert werden. Für Menschen in „Risikoberufen“ oder mit Vorerkrankungen ist eine BU aber oft unbezahlbar.

Letztlich kommt es immer auf die individuellen Umstände des Mandanten an. Bei der Beantragung und vor allem bei der Angabe von Vorerkrankungen ist höchste Sorgfalt angebracht, um im Leistungsfall die vereinbarte Rente tatsächlich zu erhalten. Durchschnittlich 75 Prozent der BU-Versicherungsanträge werden von den Versicherern ohne Ausschlüsse oder Risikozuschläge angenommen.

Wie gut die Versicherer leisten, lässt sich nur annäherungsweise aus veröffentlichten Statistiken ablesen. Es gibt nur die Zahlen des GDV und Einzelerhebungen von Ratingagenturen. Laut GDV werden 77 Prozent der BU-Leistungsanträge anerkannt. Da Streitigkeiten zwischen Versicherer und Versicherten aber nie auszuschließen sind, sollte immer auch eine Rechtsschutzversicherung mitvermittelt werden.

Jung versichern

Yvonne Vollmer von der Verbraucherzentrale Hamburg empfiehlt Verbrauchern, eine BU möglichst früh abzuschließen, um über die gesamte Laufzeit von günstigen Prämien zu profitieren.

Doch für Vermittler ist es kein einfaches Unterfangen, junge Berufstätige von der Notwendigkeit einer BU zu überzeugen. Durch einen niedrigen Einstieg mit der Möglichkeit einer Nachversicherung könnten junge Menschen eine Zeit geringen Einkommens überbrücken. Niedrige Prämien lassen sich auch bei zwischenzeitlicher Arbeitslosigkeit eher „durchhalten“, so dass man den Vertrag nicht so leicht aufgibt. Dies gilt entsprechend auch für andere biometrische Versicherungen.

Für Menschen mit Vorerkrankungen und Risikoberufen können dagegen Gruppenverträge über den Arbeitgeber den Zugang zu einer BU erleichtern bzw. verbilligen.

Alternativen zur BU berücksichtigen

Wenn eine Berufsunfähigkeitsversicherung aufgrund des Berufs oder wegen Vorerkrankungen nicht in Frage kommt, lassen sich immer noch alternative Instrumente prüfen und auch miteinander kombinieren, um Mandanten einen Grundschutz bei eingeschränkter Erwerbsfähigkeit zu bieten. Der BU-Experte Alexander Schrehardt empfiehlt, im Beratungsgespräch von Anfang an nicht allein auf die Vermittlung einer BU-Police abzuzielen, sondern das Thema Absicherung der Arbeitskraft allgemeiner anzugehen und beispielsweise mit der Absicherung der Arbeitsunfähigkeit zu beginnen. Denn krank, also arbeitsunfähig, wird in seinem Berufsleben praktisch jeder einmal. Der Absicherung dienen GKV-Krankengeld, PKV-Krankentagegeld, Arbeitsunfähigkeitsrente oder eine Betriebsausfallversicherung für Selbständige. Erst im zweiten Schritt wird die Absicherung einer dauerhaften Berufsunfähigkeit thematisiert, wobei der Berater von Anfang auch Alternativen wie Erwerbsunfähigkeits-, Grundfähigkeiten- oder Schwere-Krankheiten-Versicherung ins Gespräch bringen sollte, wie Schrehardt vorschlägt. Denn falls ein Kunde aufgrund seines Berufs oder wegen Vorerkrankungen keine oder keine bezahlbare BU erhält, ist die Enttäuschung oft so groß, dass er sich überhaupt nicht mehr versichert. In diesem Fall steht er bis auf die gesetzliche Erwerbsminderungsrente ohne Schutz da.

Eine alternative Absicherung ist meist besser als gar keine. Insbesondere sollte der Berater seinem Mandanten die Erwerbsunfähigkeitsversicherung (EU) vorstellen, die dann eine Rente zahlt, wenn der Versicherte weniger als drei Stunden am Tag arbeiten kann – ganz gleich in welchem Beruf. Mit dieser kann der Versicherte die magere gesetzliche Erwerbsminderungsrente aufstocken. Die Gesundheitsprüfung für eine EU ist im Vergleich zur BU – außer bei psychischen Vorerkankungen – weniger streng.

Den vollständigen Beitrag finden Sie in „Der Neue Finanzberater SPEZIAL Biometrie 02/2017“ auf den Seiten 6 bis 9. Das Heft können Sie hier bestellen.

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