28. November 2017 | Von Eric Czotscher

Selbständigen den Weg in die GKV ebnen

Christoph Kranich, Leiter Gesundheit und Patientenschutz, Verbraucher- zentrale Hamburg, im Gespräch mit Eric Czotscher

Christoph Kranich von der Verbraucherzentrale Hamburg sorgt sich um eine adäquate Krankenversicherung für geringverdienende Selbständige. Bild: Marc Darchinger

Herr Kranich, was sind die häufigsten Fragen zu privaten Krankenversicherungen, wenn Verbraucher zu Ihnen in die Beratung kommen?

Die häufigste Frage ist die nach einer Beitragsentlastung im Alter, wenn das Einkommen sinkt und die Beiträge steigen. Ansonsten geht es häufig darum, dass ein Versicherer eine Zahlung nicht übernehmen will, weil die Rechnung unangemessen hoch oder die abgerechnete Leistung nicht versichert ist.

Können Sie den Verbrauchern in diesen Fällen helfen, ihre Ansprüche durchzusetzen?

Wir beraten zum Tarifwechsel und zeigen Wege auf, wie Ansprüche durchgesetzt werden können. Sofern unsere personellen Kapazitäten es ermöglichen, unterstützen wir Versicherte auch weitergehend.

Was empfehlen Sie Verbrauchern generell bei der Auswahl einer privaten Krankenversicherung?

 Lesen Sie das Kleingedruckte! Informieren Sie sich anhand der Tarifbedingungen, welche Leistungen tatsächlich enthalten sind. Allerdings wissen viele Verbraucher nicht, was Standard ist und welche Leistungen wichtig sind. Im Krankenhaus ist es zu spät, die Bedingungen zu studieren. Deshalb empfehlen wir, sich vor Abschluss einer Versicherung gut beraten zu lassen, beispielsweise von uns oder von einem Versicherungsberater. Letztlich bin ich aber skeptisch, ob es überhaupt sinnvoll ist, statt einer gesetzlichen eine private Krankenvollversicherung abzuschließen. Im Grund genommen ist eine private Vollversicherung nur etwas für Gesunde.

Nur für Gesunde? Wie meinen Sie das?

Wer gesund ist, kann als mündiger Kunde agieren, also Vertragsbedingungen kennen und rational entscheiden. Wer krank ist, kann das häufig nicht, wenn etwa Schmerzen das Bewusstsein trüben oder das Leben aus der Bahn gerät.

 Bei aller Skepsis: Wer sich den Luxus einer privaten Krankenversicherung leisten kann, warum sollte er darauf verzichten?

Selbst wohlhabenden Menschen würde ich empfehlen, sich gesetzlich zu versichern. Alle Leistungen darüber hinaus kann man sich durch Zusatzversicherungen einkaufen. So ist der Versicherte bestens versorgt und muss sich um nichts kümmern. Die gesetzlichen Krankenkassen haben direkte Verträge mit Ärzten und Krankenhäusern, die privaten Krankenversicherungen nicht. Am meisten Papierkram haben privat versicherte Beamte: Sie müssen die Abrechnungen mit ihrer Versicherung und ihrer Beihilfe koordinieren.

Außerdem ist die PKV gar nicht wirklich Luxus. Das weiß jeder Privatversicherte, der einmal eine Psychotherapie brauchte, sie aber nicht bezahlt bekam, weil sie nicht versichert war.

Beamte genießen dank Beihilfe Sonderkonditionen, die sie bestimmt nicht gerne aufgeben. Der Staat übernimmt rund 50 Prozent der Krankheitskosten für die Beamten und ihre Familien, im Alter sogar 70 Prozent. Nur für den Teil, den die Beihilfe nicht abdeckt, müssen sich Beamte versichern …

Das spricht aus finanzieller Sicht für eine private Versicherung, doch Beamte haben auch kaum eine Wahl. Denn der Dienstherr übernimmt zwar die Beihilfe für die private Versicherung, nicht aber den Arbeitgeberanteil, falls der Beamte sich stattdessen gesetzlich versichert. In diesem Fall muss er den kompletten Beitrag aus eigener Tasche zahlen und erhält auch keine Beihilfe. Deshalb sind nur wenige Beamte gesetzlich versichert, meist Menschen mit Vorerkrankungen, kinderreiche Familien sowie einige wenige Beamten, die aus politischen Gründen die GKV bevorzugen.

Allerdings gibt es jetzt eine Ausnahme: Landesbeamten in Hamburg sollen ab August 2018 die Wahl haben zwischen GKV mit Arbeitgeberzuschuss oder PKV mit Beihilfe.

Ja, der Hamburger Senat hat entschieden, Beamten den Zugang zur gesetzlichen Krankenversicherung zu ebnen: Auf Wunsch wird Beamten der Arbeitgeberbeitrag für eine gesetzliche Versicherung gezahlt, als sogenannte pauschale Beihilfe. Bislang gibt es aber keine weiteren Bundesländer, die diesem Beispiel folgen.

Was würde passieren, wenn Beamte sich künftig gesetzlich versicherten?

Ohne Beamte wäre das Geschäft mit Krankenvollversicherungen vermutlich tot. Beamte, Pensionäre und ihre Angehörigen sind mit 4,3 Millionen von insgesamt 8,8 Millionen Vollversicherten die tragende Säule der PKV. Die größte private Krankenversicherung, die Debeka mit mehr als zwei Millionen Vollversicherten, ist auch mit Abstand der größte Versicherer von Beamten. Das Hauptproblem sind aber nicht die Beamten. Denn diese zahlen aufgrund der Beihilfe reduzierte Versicherungsprämien und können sich die Private in der Regel auch im Alter noch leisten. Das Problem sind vielmehr die Selbständigen. Viele stecken in einer privaten Krankenversicherung fest, obwohl sie sich diese auf Dauer nicht leisten können.

Die meisten Selbständigen entscheiden sich doch freiwillig für eine private Versicherung …

Wer erstmals selbständig wird, hat die Wahl, ob er sich privat oder gesetzlich versichern lassen will. Doch für die meisten ist die Gesetzliche anfangs schlicht zu teuer. Denn zu Beginn der Selbständigkeit ruft die GKV einen Beitrag von 14,6 Prozent auf ein fiktives Mindesteinkommen von 2.231,25 Euro im Monat ab, also rund 325 Euro. Dazu kommt evtl. ein Zusatzbeitrag – je nach Krankenkasse – von rund 1,1 Prozent. Die meisten Selbständigen verdienen aber deutlich weniger, viele sogar unter 1.000 Euro im Monat, so dass sie den Krankenkassenbeitrag schlicht nicht zahlen können. Wer als Existenzgründer gefördert wird, muss immer noch 14,6 Prozent auf ein fiktives Einkommen von 1.487,50 Euro zahlen. Auch das ist in der Regel zu viel.

Also weichen die Selbständigen notgedrungen auf eine – zumindest anfangs – wesentlich günstigere private Versicherung aus. Später gibt es dann kein Zurück mehr bzw. nur noch über den Umweg einer abhängigen Beschäftigung. Während bei gesetzlich Versicherten die Beiträge vom Einkommen abhängen und während der Rente sinken, zahlt der privat Versicherte steigende Beiträge. Wir fordern deshalb, dass Selbständige sich mit ihrem realen Einkommen gesetzlich versichern können und nicht mit einem vorgegebenen fiktiven Einkommen!

 

 

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