2. November 2017 | Von Alexander Poraj

Zen und die Kunst der Finanzberatung

Gegenwärtigsein im Beratungsgespräch statt Fokus auf den Produktverkauf

Das Malen eines Kreises gilt im Zen als Symbol für Gegenwärtigkeit. Bild: Teerabong Boongrid/Thinkstock

Es ist noch nicht lange her, da gehörte die Arbeit in den Alltag und die spirituelle Übung ins Kloster. Beides säuberlich von einander getrennt. Der berühmte Satz, wonach man nicht zwei Herren dienen könne, Gott und dem Mammon, hat in unserer Kultur dafür gesorgt, dass der Alltag als profan abgewertet und das Geistige abstrahiert und weggesperrt worden ist. Doch die Zeiten ändern sich: Spiritualität verlässt unter dem Namen Zen, Meditation oder Achtsamkeitsübung die klösterliche Umgebung und findet immer mehr im Alltag statt. Viele Menschen suchen dort die Zufriedenheit, die sie in ihrem Beruf nicht finden. Doch wie lassen sich Finanzberatung und Zen miteinander verbinden?

Zen ist Gegenwart

Zen entstammt einer alten chinesisch-buddhistischen Tradition und vertritt unter anderem die Auffassung, dass nur Gegenwart existiert. Die Vergangenheit ist vergangen und die Zukunft noch nicht da. Mehr noch: Wer sich an die Vergangenheit erinnert, tut das jetzt, und wer Zukunftspläne schmiedet, tut das ebenfalls jetzt. Alles ist Gegenwart. Doch gefühlt sind wir selten da, wo unsere Füße gerade stehen, unsere Hände gerade liegen oder unser Gegenüber gerade sitzt. Meist sind wir in Gedanken unterwegs und nicht hier.

Unentwegt leben und arbeiten wir so, dass wir die Gegenwart nicht wirklich wertschätzen, sondern als Sprungbrett für unsere Vorstellungen von einer besseren Zukunft benutzen. Unsere Ziele sind fast immer attraktiver, als die gerade stattfindende Wirklichkeit. Als Folge davon leben wir nicht bewusst, sondern nach dem Motto: Das Ziel heiligt die Mittel. Im Handumdrehen wandeln wir alles und jeden zum Mittel für das anvisierte Ziel um. Damit sind wir sehr selten bei dem, was gerade ist.

Im Berufsleben ist das eine nahezu standardisierte Haltung: Ich arbeite, um Geld zu verdienen und um mir das zu leisten, was ich als schön, wichtig und angenehm empfinde. Ich arbeite selten, weil das Arbeiten an sich erfüllend und sinnvoll ist. Für viele von uns ist die Arbeit sinnlos geworden, weil wir nicht mit unseren Sinnen bei ihr sein wollen oder können.

Alexander Poraj, Zenmeister und Vorstandsvorsitzender der West-Östliche Weisheit Willigis Jäger Stiftung. Bild: Alexander Poraj

Sinnvolle Beratung

Was hat das mit dem gängigen Verständnis von Finanzberatung zu tun? Die Finanzbranche hat immer noch den Ruf einer provisionsgesteuerten Zunft. Demnach würde nicht wirklich beraten, sondern es würden diejenigen Produkte vermittelt, die die höchsten Provisionen einbrächten. Und wenn es nicht die höchste Provision ist, dann wenigstens eine, denn von irgendwoher muss das Geld ja kommen. In diesem Fall kann aber von objektiver Beratung keine Rede sein, sondern von einem als Finanzberatung verpackten Verkaufsgespräch.

Was könnte die Zenübung des Gegenwärtigseins daran ändern? Äußerlich gesehen nicht viel, innerlich betrachtet alles. Wenn Sie gegenwärtig sind, dann sind Sie mit dem, was gerade ist, eins. Sie sind mit allen Sinnen dabei. Damit ergibt das jetzige Tun Sinn, nicht irgendwann in der Zukunft, wenn Sie ein Produkt vermittelt und die Provision bekommen haben, sondern hier und jetzt.

Sind Sie dagegen bei der Arbeit nur ergebnisorientiert, dann unterliegen Sie der Illusion, der Wirklichkeit einen Schritt voraus zu sein. In Wirklichkeit sind Sie aber schon einen oder mehrere Schritte aus der Wirklichkeit heraus. Diese Verwechslung ist umso bitterer, je hartnäckiger der vor Ihnen sitzende unschlüssige Kunde Sie daran hindert, Ihr Ziel zu erreichen.

Was spricht dagegen, Beratung als Beratung stattfinden zu lassen, statt Produkte, die im Augenblick abwesend sind, zu verkaufen? Was spricht dagegen, Beratung so gut zu verrichten, dass die Person, die uns gegenübersitzt, sich verstanden fühlt, Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten erkennt und ihre Wertschätzung für diese Beratung nicht nur in Zufriedenheit, sondern auch durch angemessene Bezahlung zum Ausdruck bringt? Beide, Berater und Beratender, wären dadurch eins. Beide wären in der Gegenwart und sinnlich präsent. Für beide würde die Begegnung Sinn ergeben, der Berater könnte seine Arbeit als Prozess genießen. Mit anderen Worten: Zen im Alltag.

 

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