10. November 2017 | Von Ali Masarwah

Wie riskant ETFs wirklich sind

Verbreitetes Unwissen prägt die Diskussion

Die Frage, ob börsengehandelte Indexfonds (Exchange Traded Funds – ETFs) „gefährlich“ seien, taucht in jüngster Zeit häufiger in den Medien auf und wird auch unter Finanzberatern diskutiert. Oft wird eine inzwischen etwas abgestandene Untersuchung der internationalen Regulierungsbehörde Financial Stability Board (FSB) aus dem Jahr 2011 zitiert, in der von „Auswüchsen“ bei ETFs die Rede war. Die Diskussion über ETF-Risiken mag ein weitverbreitetes Unbehagen über eine sehr erfolg- reiche Produktgattung widerspiegeln. Sie zeugt jedoch von mangelndem Verständnis der Funktionsweise von ETFs.

ETFs sind in Europa keine Giganten

Welchen Einfluss haben ETFs tatsächlich auf den Markt? In Europa bringen sie inzwischen (Stand: Ende Juli 2017) rund 615 Milliarden Euro auf die Waage. Das ist sehr viel Geld, macht aber nur einen Bruchteil des gesamten Vermögens aus, das in Fonds investiert ist. Zum Vergleich: Europaweit waren nach Morningstar-Daten Ende Juli 9.074 Milliarden Euro in Publikumsfonds investiert. ETFs machen also gerade 6,8 Prozent des Publikumsfondsmarktes aus.

Hinzu kommt das Vermögen außerhalb von Publikumsfonds, das in solchen Statistiken nicht erfasst wird. Allein für Deutschland meldete der deutsche Investmentverband BVI Ende Mai ein Vermögen von 1.500 Milliarden Euro in Spezialfonds und knapp 400 Milliarden Euro in institutionellen Mandaten außerhalb von Investmentfonds. ETFs sind so gesehen zwar mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein, die börsennotierten Indexfonds schicken sich aber noch längst nicht an, den Markt zu dominieren.

ETF-Aktieninvestoren sind nicht „Mr. Market“

Ein Indikator für den geringen Einfluss von ETFs auf den Markt ist der häufig feststellbare entgegengesetzte Verlauf von Aktienkursen und Mittelaufkommen in ETFs. Beispielsweise wurden europäische Standardwerte-ETFs im April 2017 per Saldo kräftig verkauft, während die Kurse der diesen ETFs zugrundeliegenden Assets zulegten. Spiegelbildlich verbuchten Aktien-ETFs für globale Standardwerte hohe Zuflüsse, während die Kurse der MSCI-Aktien (gewichtet) gesunken sind. Die Beispiele lassen sich beliebig fortsetzen.

Wie liquide ist der ETF-Markt?

Das bringt uns nun zu einem Thema, das hochrelevant ist, das jedoch keines- falls als „ETF-Problem“ verstanden wer- den sollte: die Liquidität des Marktes. Diese ist insbesondere bei Bonds derzeit nicht komfortabel. Bei Unternehmensanleihen und anderen wenig liquiden Bonds besteht weithin eine berechtigte Sorge über mangelhafte Liquidität.

Im Zuge des Abbaus von Risikopositionen nach der Finanzkrise hat die Bedeutung von Banken als Liquiditätsgeber im Bondhandel abgenommen. Bondmärkte sind heute deutlich weniger liquide als vor 2008. Das bedeutet, dass im Falle einer Korrektur und von Massenverkäufen Anleger gegebenenfalls nur mit hohen Verlusten oder gar nicht aus ihren Positionen herauskommen könnten. Die Finanzkrise 2008/09 kann als Blaupause dafür stehen. Finden panische Verkäufer keine Käufer, kommt eventuell kein Handel zustande, und der Investor ist in seiner Position „gefangen“.

Heute sind die Märkte weit von solch einer Konstellation entfernt. Der Handel verläuft auch in Zeiten, in denen sich die Spreads gelegentlich ausweiten, normal. ETF-Anleger sollten sich jedoch bewusst sein, dass ETFs ungeachtet ihrer börsentäglichen Handelbarkeit nicht liquider sein werden als ihre Underlyings. Anders gesagt: dass ein Hochzins-ETF börsentäglich handelbar ist, bedeutet nicht, dass er anderen Gesetzen unterliegt als der Hochzinsmarkt, den er abbildet.

Ali Masarwah ist Chefredakteur von Morningstar.
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