11. April 2018 | Von Marko Lützel und Eric Czotscher

Reicht die Rente? – Altersvorsorgeformel zur Ermittlung der Rentenlücke

Echter Mehrwert für Verbraucher / Weitere Initiativen von fairr.de und Goethe-Universität

Für Verbraucher ist kaum überblickbar, wie viel sie tatsächlich noch zusätzlich ansparen müssen, um für das Alter gut vorzusorgen (Bild: Thinkstock/wutwhanfoto).

Finanzdienstleister und Politiker wollen Vorsorgetransparenz  verbessern

Der Rechner stellt ein säulenübergreifendes Renteninformationssystem dar. Ein solches – idealerweise mit automatisierter Datenanlieferung von privaten und gesetzlichen Versicherungsträgern – ist in Deutschland zwar seit Jahren geplant, doch bisher nicht umgesetzt. Verschiedene Institutionen und Finanzdienstleister haben dazu mittlerweile eigene Ansätze vorgestellt oder entsprechende Forderungen an die Politik gestellt, zum Beispiel das InsurTech-Unternehmen Clark oder das Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA).

Das FinTech-Unternehmen fairr.de hat kürzlich ein säulenübergreifendes „Vorsorge-Cockpit“ online gestellt, dass Verbraucher bei der Optimierung ihrer Altersvorsorge unterstützen soll. Das Einpflegen der gesetzlichen Rentenansprüche erfolgt automatisiert über eine semantische Dokumentenanalyse der Renteninformation, dazu genügt ein Foto oder Scan des Rentenbriefs. Daten zu fairr.de-Produkten werden automatisch eingepflegt. Andere Vorsorgepläne muss der Nutzer anhand der jährlichen Standmitteilungen selbst eintragen, wobei die dort getroffenen Renditeannahmen kritisch zu hinterfragen sind.

Mit Schiebreglern und Eingabefeldern kann der Nutzer seine Beiträge für unterschiedliche Sparpläne (Riester-Rente, Basisrente, bAV) in Echtzeit optimieren, um die berechnete Rentelücke zu verkleinern. Im Fall von fairr.de-Produkten kann er auch direkt und ohne Medienbruch  Sparpläne ändern  bzw. neu einrichten.

Seit Neuestem bietet fairr neben „fairriester“ und „fairrürup“ auch eine bAV-Lösung an. Die „fairrbav“ ist eine Direktversicherung, bei der die Sparbeiträge und Zuschüsse des Arbeitgebers zu 100 Prozent in Aktien investiert werden können. Es gibt also keine Garantie. Ein optionales Ablaufmanagement sichert das Fondsvermögen durch die Umschichtung in das garantiert verzinste Vermögen der myLife Lebensversicherung und dient als Risikosteuerung. Die Kosten sind niedrig, es gibt keine Abschlussprovision. Das Produkt eignet sich deshalb für die Honorarberatung und -vermittlung.

Mit dem Cockpit lässt sich die Rentenlücke sowohl brutto als auch nach Steuern und Sozialabgaben berechnen. Die Inflation ist nur in Form der Realrendite berücksichtigt, nicht jedoch in zukünftigen Geldwerten. fairr.de-Produktleiter Dr. Alexander Kihm: „Sonst wird man leicht zu der irrigen Denke verleitet, bei Geldentwertung dennoch gleiche Beiträge zu leisten. Aufgrund inflationsgetriebener Steigerungen von Löhnen, Steuerabzügen etc. ist es mathematisch wesentlich sinnvoller, den Geldwert konstant zu halten – nicht zuletzt aufgrund der bei uns ohnehin kostenfrei anpassbaren Beiträge“.

Pilotstudie zeigt Handlungsbedarf

Die Goethe-Universität unter Leitung von Prof. Dr. Andreas Hackethal mit Partnern aus Wissenschaft und Praxis 2017 eine Pilotstudie für ein „Pension Dashboard“ mit mehreren tausend realen Nutzern durchgeführt. Die Ergebnisse der Studie:

  • Es besteht großer Bedarf an säulenübergreifender Rententransparenz in der Bevölkerung.
  • Der gemessene Nutzen aus dem Dashboard ist substantiell und mehr als die Hälfte der Teilnehmer möchte nun aktiv die eigene Altersvorsorge adjustieren.
  • Für eine bundesweite Implementierung müssen Rententräger (gesetzlich) verpflichtet werden, standardisierte Standmitteilungen auf Kundenwunsch automatisiert bereitzustellen.

Diese  Ergebnisse sind für die Goethe-Universität und den Verein Deutsche Renten Information Anlass, zusammen mit mehreren Partnern aus der Finanzbranche in diesem Jahr einen ausgereiften Prototypen mit automatisierter Dateneinlieferung und vollständiger Berechnungslogik zu entwickeln.

Auch die aktuelle Große Koalition will die Vorsorgetransparenz verbessern. So heißt es im Koalitionsvertrag: „Wir werden eine säulenübergreifende Renteninformation einführen, mit der Bürgerinnen und Bürger über ihre individuelle Absicherung im Alter Informationen aus allen drei Säulen erhalten und möglichen Handlungsbedarf erkennen können. Die säulenübergreifende Renteninformation soll unter Aufsicht des Bundes stehen.“ Bis Versicherer und Banken die dafür erforderlichen Informationen über einheitliche Schnittstellen zur Verfügung stellen können, dürfte jedoch noch einige Zeit vergehen.

Unterdessen ergab eine aktuelle Umfrage von MLP unter 19 Versicherungsgesellschaften, die in Deutschland schätzungsweise  die Hälfte des privaten Altersvorsorgemarkts abdecken, dass 17 Versicherer  bereit sind, sich dauerhaft an einem Renteninformationssystem zu beteiligen. Für die Umsetzung diese Angebots kann sich eine breite Mehrheit der Befragten (16) eine Zusammenarbeit mit dem Staat vorstellen, etwa wie in Schweden als öffentlich-private Partnerschaft.

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