14. Februar 2018 | Von Eric Czotscher

„Ich empfehle auch Gutverdienern die Gesetzliche“

Marco Krieter, Versicherungsberater und Rentenberater, bei KKP Versicherungsberater in Kooperation, im Gespräch mit Eric Czotscher

Die medizinische Versorgung in Deutschland gilt als sehr gut, manchmal wird auch zu viel getan, vor allem bei Privatpatienten (Bild: Thinkstock/megaflopp).

Herr Krieter, empfehlen Sie Ihren Kunden den Abschluss einer privaten Krankenversicherung?

Vollversicherungen empfehle ich meist nur Beamten, denn diese werden vom Staat durch Beihilfe alimentiert.

Was spricht im Falle gut verdienender Angestellter oder Selbstständiger gegen die PKV? Sind die Tarife nicht wesentlich günstiger, gerade für junge Singles?

Marco Krieter betrachtet Vergleichszahlen zur Beitragsentwicklung von GKV und PKV kritisch (Bild: MK).

Das mag sein, doch mit der Zeit wachsen die Beiträge stark. Wenn man die historische Beitragsentwicklung betrachtet, sind die PKV-Beiträge stärker gestiegen als die GKV-Beiträge, und zwar primär wegen des Anstiegs der Behandlungskosten. Viele meiner Beratungsgespräche mit Mandanten ab dem 50. Lebensjahr drehen sich darum, die Beiträge sofort oder perspektivisch zu reduzieren, falls möglich durch Rückkehr in die GKV.

Zur Beitragsentwicklung gibt es unterschiedliche Zahlen. Scheinbar liegen die beiden Systemen nicht weit auseinander …

Die offiziellen Vergleiche seitens der PKV sind mit Vorsicht zu genießen. Zum einem verwenden sie als Vergleichszahl immer den Höchstbeitrag in der GKV. Diesen aber muss nur die Minderheit der Versicherten zahlen. Außerdem ist der Beihilfefaktor zu berücksichtigen. Insbesondere die  Beitragsentwicklung von Versicherungen mit hohem Beamtenanteil wie der Debeka ist nicht ohne weiteres auf alle Versicherer übertragbar. Meiner Meinung nach ist die PKV nicht nachhaltig finanziert.

Können Sie Ihre Einschätzung belegen?

Ein Versicherungssystem, in dem die Beiträge in den vergangenen 30 Jahren je nach Lesart und Daten im Durchschnitt um das zwei- bis dreifache der Inflationsrate gestiegen ist, ist nicht nachhaltig finanziert. Das Hauptproblem ist, dass im Gegensatz zur GKV der Wirtschaftlichkeitsfaktor fehlt. Eine PKV muss erstatten, was „medizinisch notwendig“ ist. Es ist sicher kein Zufall, dass die Behandlungskosten eines privat Versicherten im Durchschnitt 1,8-mal so hoch sind wie die eines gesetzlich Versicherten.

Auch wenn Sie bei der Beitragsentwicklung der PKV ein Warnzeichen setzen. Die Leistungen der Versicherer sind doch erstens garantiert und zweitens meist deutlich besser als in der GKV. Wer das Geld hat, sollte sich den Luxus doch gönnen …

Ich halte die Überlegenheit der PKV für eine Mär. Wer keinen Premiumtarif hat, muss teilweise sogar erhebliche Einschränkungen hinnehmen zum Beispiel bei den Heil- und Hilfsmittelkatalogen, bei Anschlussheilbehandlungen oder bei Rehamaßnahmen, wobei letztere oft durch die gesetzliche Rentenversicherung übernommen werden, solange man nicht Selbständiger ist. Wenn ich Interessenten zur PKV berate, empfehle ich einen offenen Heil- und Hilfsmittelkatalog, um am medizinischen Fortschritt teilzuhaben. Außerdem weise ich auf die wichtiger werdende Psychotherapie hin.

Sollte sich auch ein Gutverdiener gesetzlich versichern?

Das würde ich empfehlen! Weitere Leistungen kann man sich durch Zusatzversicherungen einkaufen, zum Beispiel Zahnersatz. Hier hinkt die GKV deutlich dem medizinischen Fortschritt hinterher.

 

Beitragsanpassungen im Systemvergleich

Zur PKV-Beitragsentwicklung werden ganz unterschiedliche Zahlen
veröffentlicht – je nach Systematik und Interessenlage. Ein Beispiel:
Laut Assekurata haben sich 2007 bis 2017 die Bestandsbeiträge
im Normalgeschäft der PKV um rund 53 Prozent erhöht. Das
entspricht einem Plus pro Jahr von 4,2 Prozent. Das beitragsstabilste
Unternehmen in der Analyse kommt auf einen Wert von 2,9
Prozent. Demgegenüber ist der Höchstbeitrag in der GKV inklusive
Zusatzbeitrag in den vergangenen zehn Jahren um knapp 30 Prozent
beziehungsweise 2,8 Prozent pro Jahr gestiegen. Doch diese Zahlen
sind aus folgenden Gründen mit Vorsicht zu genießen:
• Bei der PKV wurden alle Versicherungen erfasst, also auch die
rund 2,6 Mio. Beihilfetarife. Für mich steht in Frage, ob das
überhaupt Vollversicherungen sind, da nur 50 oder 30 Prozent
geleistet werden. Damit tragen die Versicherer auch nur 30 bis 50
Prozent der Kostensteigerungen. Aussagekräftiger wäre die
Beitragsentwicklung der Tarife ohne Beihilfe.
• Bei der Angabe zur GKV wird, wie häufig, der Höchstbeitrag
herangezogen. Dies verfälscht das Bild, da suggeriert wird, dass
jeder PK-Versicherte in der GKV den Höchstbeitrag zahlen müsste,
was nicht zutrifft. Interessanter wäre eine Aussage zur Beitragsstabilität
bemessen am Beitragssatz. Dieser ist in den vergangenen zehn
Jahren von 14,8 auf 15,7 Prozent gestiegen. Ein absoluter Anstieg
von 0,9 Prozentpunkten. Musste ein Durchschnittverdiener 2007
monatlich 369,40 Euro an die GKV zahlen, sind es 2017 485,43
Euro. Das ergibt 3,14 Prozent p.a. für den Durchschnittsverdiener.
• Erhebt man mit der am Markt verbreiteten Software KV-WIN von
Morgen & Morgen die Beitragsentwicklung der führenden PKV-Volltarife
(ohne Beihilfetarife), kommt man auf Zehnjahresbasis auf
durchschnittlich 6 Prozent p.a.. Morgen & Morgen selbst bezeichnet
eine Beitragsanpassung von 5 bis 6 Prozent als „durchschnittlich“.
Allerdings ist dies der Stand von 2012. Neuer Erhebungen dazu
halte ich jedoch für unbrauchbar, da seit 2013 Unisextarife eingeführt
wurden. Die alten Tarife wurden für junge Neukunden geschlossen,
so dass sich deren Beitragsentwicklung seither verschlechtert.

Quelle: Marco Krieter.

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