17. April 2018 | Von Eric Czotscher

Niedrigzins erfordert andere Vorsorge

Podiumsdiskussion zu Finanzmarktregulierung und Altersvorsorge in Europa

Podiumsdiskussion zur Altersvorsorge in Europa mit Prof. Dr. Hartwig Webersinke, Dr. Gerrit Jan van den Brink, Prof. Dr. Hato Schmeiser, dem britischen Botschaftsrat Nick Leake, Wolfgang Bosbach und Moderator Anreas Franik (von links nach rechts; Bild: Standard Life).

Dass Europa – angesichts der Unterschiede zwischen den nördlichen und südlichen Staaten, dem bevorstehenden Brexit sowie den anhaltenden Niedrigzinsen in der Eurozone – vor Herausforderungen steht, ist ein Allgemeinplatz. Aber wie wirken sich diese Faktoren im Zusammenhang mit aktuellen Regulierungen wie der Finanzmarktrichtlinie MiFID-2 und der Versicherungsvertriebsrichtlinie IDD beispielsweise auf die Altersvorsorge aus?

Standard Life Deutschland ging dieser Frage in einer Veranstaltung an der Britischen Botschaft in Berlin nach. Zu den eingeladenen Experten gehörten u.a. der langjährige CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach, Dr. Gerrit Jan van den Brink, Chief Financial Risk Officer bei Standard Life Deutschland, Prof. Dr. Hato Schmeiser, Lehrstuhl für Risikomanagement und Versicherungswirtschaft an der Universität St. Gallen, und Prof. Dr. Hartwig Webersinke, Dekan der Wirtschafts- und Rechtsfakultät der Hochschule Aschaffenburg.

Die Regulierung der Finanzbranche beschäftigte alle Experten, besonders aber Hato Schmeiser.  Für ihn lautet die Frage angesichts von IDD und MiFID-2 nicht, ob es zu viel oder zu wenig Regulierung gebe, sondern welche Qualität die Regulierung habe. „Man muss die Kosten-Nutzen-Rechnung einer Regulierung vorher machen, man muss quantifizierbare Ziele vorgeben, um dann die Ergebnisse messen zu können“, sagte Schmeiser.

Inflation der Assetpreise

Die Folgen von Regulierung und politischer Einflussmaßnahme zeigten sich bei den Notenbanken, stellten die Teilnehmer fest: „Früher ging es bei den Zentralbanken um Währungsstabilität, heute haben sie ein politisches Mandat“, kritisierte Webersinke. Die Folge sei, dass die kapitalgedeckte Altersvorsorge in Europa inzwischen vom Angebot der Europäischen Zentralbank (EZB) abhängig sei. Dr. Gerrit Jan van den Brink sagte, das die Mittel zur Risikobekämpfung der EZB verpufften: „Es gibt da inzwischen sehr viele Probleme, der wir nicht mehr Herr werden.“

Der dauerhaft niedrige Zins wiederum führe zu einer Inflation der Assetklassen, so Schmeiser, und einer verstärkten Investition  in reale Anlagen wie Immobilien. Von der gefährlichen Kombination aus niedrigen Zinsen und hohen Immobilienpreisen seien besonders die mittleren Einkommen in Deutschland betroffen, die versuchten zu sparen, um Wohneigentum zu erwerben und gleichzeitig eine private Altersvorsorge aufzubauen.

Weder Girokonto noch klassische Lebensversicherung zur Vorsorge geeignet

Trotz womöglich langsam steigender Zinsen, warnte Politiker Bosbach vor dem Irrglauben, die guten alten Zinszeiten könnten wiederkehren: „Auf das Zinsniveau von vor zehn oder 15 Jahren kommen wir nicht zurück!“ Webersinke pflichtete ihm bei und verwies auf die schädliche Risikoaversion der Deutschen und ihre Angst vor unternehmerischen Anlagen wie Aktien oder Investmentfonds: „Wer Altersvorsorge mit dem Girokonto macht, halbiert in 40 Jahren sein Vermögen.“ Aber auch der klassischen Kapitallebensversicherung mit ihrem starren Garantiezins und immer niedrigeren jährlichen Überschüssen gehöre nicht die Zukunft , sagte Schmeiser voraus: „Sie sind nicht transparent, relativ intensiv bei den Transaktionskosten und haben eine geringe Aktienquote.“

 

Artikel teilen